Bis zum Eintritt der Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung einer GmbH lassen sich in der Regel unterschiedliche Phasen der Unternehmenskrise unterscheiden, beginnend mit der strategischen Krise und endend mit der Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung.

Im einzelnen lassen sich die folgenden Phasen einer Unternehmenskrise bis zum Beginn eines Insolvenzverfahrens wie folgt beschreiben.

 

1. Strategische Krise der GmbH

Eine Unternehmenskrise beginnt (fast immer) mit strategischen Schwächen bzw. Fehlern in der Geschäftsführung, die leider in den wenigsten Fällen entdeckt und beseitigt werden. Erste Voraussetzung hierfür ist ein aktives Frühwarnsystem, das gezielt nach Anzeichen einer strategischen Krise sucht. Während in der betriebswirtschaftlichen Literatur hierfür mathematisch-statistische Modelle und Algorithmen angeboten werden, reicht aus meiner Sicht auch eine kritische Wachsamkeit eines branchenkundigen Geschäftsführers aus, um die ersten Anzeichen einer strategischen Krise zu erkennen:

  • Verschärfung des Wettbewerbs;
  • Veränderungen bei der Nachfrage, insbesondere nachlassende Anzahl der Kundenanfragen;
  • zunehmende Zurückhaltung der Kreditinstitute bei der Vergabe von Unternehmenskrediten;
  • Schwierigkeiten bei der Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter;
  • auftretende Konflikte zwischen Geschäftsführer und Gesellschaftern bzw. Geschäftsführern untereinander oder Gesellschaftern untereinander;
  • zunehmende Abhängigkeit von wenigen Großkunden;
  • Konflikte mit existentiellen Lieferanten;
  • Standortprobleme;
  • zunehmende Reklamationen.

Sicherlich gibt es noch eine ganze Menge weiterer solcher Indikatoren einer strategischen Unternehmenskrise. Ein wirksames Mittel zum Erkennen solcher Anzeichen sind z.B. turnusmäßige Versammlungen der Geschäftsführer oder regelmäßige Gesellschafterversammlungen, in denen als zusätzlicher Tagesordnungspunkt die oben genannten Punkte und ggf. weitere Fragen geprüft werden.

2. Bilanzielle Krise

Auf die strategische Krise folgt in der Regel die bilanzielle Krise, sobald sich die oben genannte negative Unternehmensentwicklung in den Zahlen der Bilanz erkennen lässt. In dieser Phase einer Unternehmenskrise lässt sich die negative Unternehmensentwicklung bereits anhand objektiver Zahlen in der Bilanz und in der Gewinn- und Verlustrechnung erkennen. Auch hier lassen sich unterschiedliche Grade der bilanziellen Krise unterscheiden. Während die objektiven Daten einer negativen Unternehmensentwicklung in einer frühen Phase nur von Spezialisten erkannt werden, lassen sich die objektiven Anzeichen mit fortschreitender Intensivierung nicht mehr verheimlichen.

Hinweise auf eine bilanzielle Krise

Hinweise auf eine bilanzielle Krise sind insbesondere folgende Daten:

  • Umsatzrückgang;
  • Ertragseinbußen;
  • Verschlechterung der Rendite (Kapitalrendite, Umsatzrendite, Eigenkapitalrendite);
  • Verschlechterung der Finanzierungskraft, insbesondere des Cash-Flows;
  • Verschlechterung der Ertragskraft;
  • Verschlechterung der Kapitalstruktur.

In diesem Stadium sind meist auch schon Anzeichen im Tagesgeschäft der GmbH erkennbar (wenn man die Augen nicht verschließt):

  • Forderungsausfälle;
  • Schwierigkeit bei der Generierung neuer Aufträge;
  • Verlust wichtiger Mitarbeiter;
  • Zunahme der Gewährleistungskosten.

In dieser Phase der Unternehmenskrise ist den meisten Geschäftsführern schon bewusst, dass es „so nicht weitergehen kann“, aber leider fehlt oft der Mut oder die Kreativität, geeignete Schritte zu gehen.

3. Kapitalkrise

Sofern der Geschäftsführer auch in dem vorgenannten Stadium die Anzeichen der Unternehmenskrise noch nicht erkennt oder keine geeigneten Schritte zu Verbesserung der Ertragslage einschlägt, führen alsbald entstehende Verluste zur Aufzehrung des Kapitals. Wie schnell das geht, hängt natürlich von den aufgebauten Reserven ab. Angesichts der chronischen Unterfinanzierung deutscher GmbHs werden die Geschäftsführer mit dieser Situation jedoch sehr schnell konfrontiert.

Unterbilanz

Sinkt das Eigenkapital der GmbH unter den Betrag des eingetragenen Stammkapitals, liegt eine sog. Unterbilanz vor. In dieser Phase der Unternehmenskrise muss der Geschäftsführer dafür sorgen, dass keine (weiteren) Ausschüttungen mehr an die Gesellschafter erfolgen, unabhängig davon, ob diese offen oder verdeckt erfolgen. Nach § 30 Abs. 1 GmbH darf das zur Erhaltung des Stammkapitals erforderliche Vermögen der Gesellschaft nicht an die Gesellschafter ausgezahlt werden. Hierbei handelt es sich bereits um ein gesetzliches Krisenwarnsignal, das den Geschäftsführer zur erhöhten Wachsamkeit auffordert. Sofern sich die GmbH bereits in dieser Phase der Unternehmenskrise befindet, ist meistens auch eine erhöhte Kreditwürdigkeitsprüfung seitens der Kreditinsitute zu beobachten, oftmals verbunden mit der Kündigung bestehender Kreditlinien, falls nicht zusätzliche Sicherheiten erbracht werden können. Darlehen der Gesellschafter an die GmbH fungieren in dieser Phase der Unternehmenskrise als Eigenkapitalersatz, weil man davon ausgeht, dass ein verantwortlicher Gesellschafter der GmbH zu diesem Zeitpunkt Eigenkapital zuführt.

Hälfte des Stammkapitals aufgezehrt

Sobald mehr als die Hälfte des Stammkapitals der GmbH aufgezehrt ist, muss der Geschäftsführer gem. § 49 Abs. 3 GmbHG zwingend eine außerordentliche Gesellschafterversammlung einberufen. Hierdurch sollen die Gesellschafter vor einer überraschenden Insolvenz der GmbH geschützt werden. Erschreckend ist jedoch, wie viele Geschäftsführer diese Pflicht nicht kennen. Sogar viele Steuerberater wissen nichts von dieser gesellschaftsrechtlichen Einberufungspflicht der Geschäftsführer, sobald mehr als die Hälfte des Stammkapitals der GmbH aufgezehrt ist. Wie wichtig diese Pflicht ist, zeigt sich daran, dass der Verstoß zur persönlichen Haftung des Geschäftsführers führen kann und er gem. § 84 Abs. 1 GmbH auch unter Strafe gestellt ist.

  1. Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer es als Geschäftsführer unterläßt, den Gesellschaftern einen Verlust in Höhe der Hälfte des Stammkapitals anzuzeigen.
  2. Handelt der Täter fahrlässig, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe.

Achtung: Diese Pflicht ist nicht davon abhängig, dass der Geschäftsführer den Verlust des hälftigen Stammkapitals der GmbH positiv kennt. Vielmehr wird vom Geschäftsführer erwartet, dass er sich angesichts der Entwicklung der Unternehmenskrise bewusst ist. Darüber hinaus sind Geschäftsführer ohnehin verpflichtet, die Vermögensverhältnisse der Gesellschaft aufmerksam zu beobachten. Im Zweifel muss der Geschäftsführer eine sog. Zwischenbilanz erstellen, um sich von der Vermögenslage der GmbH zu überzeugen.

4. Liquiditätskrise

Das letzte Stadium vor der Insolvenz einer GmbH ist die Liquiditätskrise, die sich durch folgende Merkmale bemerkbar macht:

  • Inanspruchnahme von Lieferantenkrediten bzw. Überschreitung der vereinbarten Zahlungsziele;
  • permanente Ausschöpfung eines Dispositionskredits;
  • Zahlungsrückstände bei Finanzamt und Sozialversicherung;
  • Vermehrte Rückgabe von Lastschriften durch die Hausbank;
  • Zwangsvollstreckung durch Gläubiger.

Selbst in dieser Phase einer Unternehmenskrise gibt es einige Sofortmaßnahmen, die dem Geschäftsführer einen Ausweg aus der Krise ermöglichen.

5. Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung

Den Abschluss einer Unternehmenskrise bildet das Insolvenzverfahren, die bei (drohenden) Zahlungsunfähigkeit bzw. bei Überschuldung des Unternehmens zu beantragen ist. Wann dies gegeben ist, wird in den nachfolgenden Beitragen erläutert.

Merken